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Die Ökonomie der KI

Shift in der Aufmerksamkeitsökonomie – Einleitung

Warum Ordnungssysteme für die KI-Ökonomie zentral sind

Wenn heute über künstliche Intelligenz gesprochen wird, erscheint sie oft als radikaler Bruch – als eine Technologie, die plötzlich aus dem Nichts entstanden ist und nun dabei ist, unsere Art zu denken, zu arbeiten und zu entscheiden grundlegend zu verändern. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass viele der Fähigkeiten, die wir KI-Systemen heute zuschreiben, keineswegs neu sind. Das Ordnen von Wissen, das Herstellen von Zusammenhängen und das Wiederfinden verlässlicher Informationen sind Ergebnisse einer langen Entwicklung. Die Praxis der Wissensarbeit wurde über Jahrzehnte, teils über Jahrhunderte hinweg aufgebaut und kontinuierlich weiterentwickelt.

Bibliotheken und Archive sind historisch jene Orte, an denen Gesellschaften gelernt haben, mit wachsendem Wissen umzugehen. Nicht durch Vereinfachung oder künstliche Verknappung, sondern durch Struktur: Ordnungssysteme, Verweise, Kontexte und stabile Beziehungen zwischen Personen, Institutionen und Begriffen. Während sich öffentliche Aufmerksamkeit häufig an Neuem, Skurrilem oder Sensationellem orientierte, arbeiteten diese Institutionen an einer anderen, weniger sichtbaren Aufgabe. Sie sorgten dafür, dass Wissen und Kulturgut über Jahrzehnte hinweg auffindbar, einordenbar und verlässlich nutzbar bleiben – getragen von verbindlichen Regeln der Normierung.

Verfügbarkeit schafft noch keine Orientierung. In einer übersättigten Informationslandschaft entscheidet nicht Wissen allein, sondern die Art, wie Wahrnehmung organisiert wird.

Mit dem Internet schien diese Form der Wissensarbeit zunächst an Bedeutung zu verlieren. Information wurde scheinbar grenzenlos verfügbar. Suchmaschinen ersetzten klassische Kataloge, und im Zuge der Digitalisierung wurden immer mehr Dokumente online zugänglich gemacht. Doch mit der explosionsartigen Zunahme von Inhalten kehrte ein altes Problem in neuer Form zurück: Verfügbarkeit allein schafft noch keine Orientierung und es ist auch keine Grundlage für Verlässlichkeit.

Wissensarbeit als Grundlage künstlicher Intelligenz

Genau an diesem Punkt wird deutlich, in welchem Maß künstliche Intelligenz auf den Vorleistungen der Wissensarbeit vergangener Generationen aufbaut. KI «versteht» die Welt nicht intuitiv. Sie ist darauf angewiesen, dass Informationen geordnet, kategorisiert und kontextualisiert vorliegen. Erst durch diese Ordnungsarbeit entstehen zusammenhängende Wissensnetze, in denen Informationen zueinander in Beziehung gesetzt sind. Was für Menschen oft selbstverständlich erscheint – etwa dass ein Name eindeutig einer Person zugeordnet werden kann oder ein Begriff in einem bestimmten Kontext steht –, muss für Maschinen explizit definiert werden.

Systeme und Konzepte, die dies leisten, sind keine Erfindung der KI-Industrie. Sie stammen aus dem Umfeld von Bibliotheken, Archiven und den Informationswissenschaften. Dort wurde über lange Zeit daran gearbeitet, Wissen so zu strukturieren, dass es nicht nur gelesen, sondern auch wiedergefunden, differenziert und weiterverwendet werden kann. Diese Arbeit wirkt unscheinbar, bildet aber das stabile Gerüst, auf dem digitale Wissenssysteme bis heute aufbauen.

Mit der Entwicklung selbstlernender Computersysteme verschiebt sich der Fokus von intellektuell kuratierter zu maschinell unterstützter oder sogar autonomer Wissensarbeit. KI-Systeme werden zunehmend zur ersten Anlaufstelle, wenn Menschen nach Informationen im Netz suchen. Sie filtern, bündeln und formulieren Antworten, bevor wir überhaupt mit den ursprünglichen Quellen in Kontakt kommen. Damit entsteht eine neue Form von Öffentlichkeit. Intelligente Maschinen treten als vorgelagerte Instanz auf, die nach eigenen Regeln Empfehlungen erzeugen und entscheiden, welche Inhalte als relevant gelten und welche übergangen werden.

Der Shift in der von Aufmerksamkeit getriebenen Ökonomie zeichnet sich ab

Diese dynamische Neuordnung des Informationszugangs zeigt deutlich, dass Sichtbarkeit nicht mehr allein durch Präsenz oder Reichweite entsteht, sondern zunehmend durch Moderation und eine regelbasierte algorithmische Logik. Künstliche Intelligenz durchbricht damit das bisherige Suchmaschinen-Paradigma des «Gefundenwerdens» auf Basis einer Anfrage und verschiebt es hin zum «Empfohlenwerden» als Referenz oder Antwort auf eine Frage- oder Problemstellung.

Dieser Artikel zeichnet nach, wie sich Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit im Zuge der Evolution des Internets im Kontext der Ökonomie verändert haben – und warum die Zukunft aufmerksamkeitsbasierter Wertschöpfung weniger von immer neuen Inhalten abhängt als von der Qualität der Strukturen, in die Wissen eingebettet ist – also davon, wie gut Informationen geordnet, verknüpft und kontextualisiert sind.

Evolution von Sichtbarkeit im Semiokapitalismus: Wenn Kommunikation zum Produkt wird

Informationsflut als strukturelles Problem

Mit der wachsenden Bedeutung künstlicher Intelligenz rückt eine Frage in den Vordergrund, die älter ist als das Internet selbst: Wie lässt sich Wissen ordnen, wenn seine Menge schneller wächst als die Fähigkeit, es sinnvoll einzuordnen? Was heute als Herausforderung der KI-Ökonomie erscheint, ist keine neue Entwicklung, sondern die Zuspitzung eines Problems, das bereits mit der Digitalisierung begonnen hat – und das sich nun mit neuer Dringlichkeit stellt.

Das Internet hat nicht nur den Zugang zu Informationen demokratisiert, sondern auch die Bedingungen ihrer Entstehung grundlegend verändert. Inhalte entstehen längst nicht mehr überwiegend in klar umrissenen institutionellen Kontexten, sondern in einem kontinuierlichen Strom aus Texten, Bildern, Videos und Zeichen. Sichtbarkeit ergibt sich dabei nicht automatisch aus Qualität oder Verlässlichkeit, sondern aus Aufmerksamkeit – aus der Fähigkeit, im richtigen Moment wahrgenommen zu werden.

Diese Aufmerksamkeit ist heute jedoch fragmentiert und selten ungeteilt. Inhalte konkurrieren nicht nur miteinander, sondern zusätzlich mit der begrenzten Bereitschaft, sich auf komplexere Gedankengänge einzulassen. In der Folge werden viele Beiträge plakativer, austauschbarer und inhaltlich flacher, nicht unbedingt aus Mangel an Wissen, sondern aus Gründen der Anpassung an eine veränderte Wahrnehmungsökonomie, die Impulsivität und sofortige Wirkung bevorzugt. In dieser Verschiebung liegt ein zentraler Schlüssel zum Verständnis der aktuellen Dynamiken.

Eine sozio-technische Entwicklung

Die Evolution von Sichtbarkeit, wie sie sich insbesondere durch Social Media zeigt, ist kein rein soziales Phänomen. Zwar liegt ihr ein menschliches Bedürfnis zugrunde, sich auszudrücken und wahrgenommen zu werden, doch greift diese Erklärung zu kurz. Tatsächlich handelt es sich um ein sozio-technisches Prinzip, das sich mit jedem Technologiezyklus neu organisiert und an veränderte Bedingungen anpasst.

Der italienische Philosoph Franco Berardi hat für diese Entwicklung den Begriff des Semiokapitalismus geprägt. Er beschreibt damit eine Wirtschaftsform, in der Wert nicht mehr primär durch physische Produktion entsteht, sondern durch zirkulierende Zeichen, Informationen, Wissen und andere immaterielle Güter. Wert bildet sich dort, wo Wahrnehmung gebunden und Inhalten ein ökonomischer Stellenwert zugeschrieben wird. Kommunikation wird in diesem Zusammenhang selbst zur Ware.

In der Aufmerksamkeitsökonomie entsteht Wert dort, wo Wahrnehmung gebunden wird. Kommunikation wird nicht nur Mittel, sondern selbst zum Produkt.

In einem solchen Umfeld verändert sich auch das Verhältnis zu Wissen. Inhalte konkurrieren nicht mehr vorrangig um Verständlichkeit oder Einordnung, sondern um Aufmerksamkeit. Bilder, Begriffe und Narrative zirkulieren in immer kürzeren Zyklen und lösen sich dabei zunehmend von ihren ursprünglichen Kontexten. Die dominante Kommunikationsform ist visuell und narrativ geprägt; sie zielt weniger auf rationale Argumentation als auf emotionale Reaktionen und unmittelbare Impulse. Der Wettbewerb richtet sich auf eine knappe Ressource: die begrenzte Wahrnehmungskapazität der Adressat*innen. Aufmerksamkeit, Zeichen und Bilder werden zu zentralen ökonomischen Faktoren. Sie ersetzen klassische Produktionsfaktoren wie Rohstoffe oder Arbeitskraft nicht vollständig, verschieben jedoch deren Gewichtung.

An diesem Punkt trifft die Logik des Semiokapitalismus auf die Praxis der Wissensorganisation. Was im Wettbewerb um Aufmerksamkeit an den Rand gedrängt wurde – Kontext, Einordnung und Stabilität – gewinnt im Zeitalter der KI neue Relevanz. Nicht, weil sich die Ökonomie der Aufmerksamkeit aufgelöst hätte, sondern weil sie ohne strukturierende Instanzen an ihre eigenen Grenzen stößt. Bewertungs- und Empfehlungssysteme entstehen als Reaktion auf dieses Überangebot. Sie dienen dazu, Inhalte einzuordnen und Auswahlprozesse zu strukturieren, häufig gestützt auf Mechanismen sozialer Bewährtheit, die vorhandene Reaktionen und Resonanz als Orientierung heranziehen.

Von hier aus lässt sich die Geschichte des Internets nicht nur als technische Entwicklung lesen, sondern als fortlaufender Versuch, mit wachsender Informationsdichte umzugehen. Die folgenden Abschnitte zeichnen diese Entwicklung in vier Phasen nach – von der frühen Adresslogik des Webs über die partizipative Phase des Web 2.0 und die algorithmische Vermittlung bis hin zu einer KI-geprägten, emergenten Ordnung, in der Maschinen selbst zu zentralen Akteuren der Selektion werden.

Der Zwang zur Sichtbarkeit

In einer semio-ökonomischen Welt wird nicht nur sichtbare Präsenz belohnt. Die kontinuierliche Produktion wirksamer Inhalte wird selbst zur Voraussetzung von Sichtbarkeit. Sie ist nicht länger optional, sondern Bedingung sozialer Teilhabe. Dieser Mechanismus reicht weit über klassische Formen der Selbstdarstellung hinaus. Er erzeugt einen strukturellen Zwang: Wer sich nicht ausdrückt, nicht publiziert und nicht sichtbar ist, verliert innerhalb dieser Logik soziale, wirtschaftliche und politische Wirksamkeit. Unsichtbarkeit bedeutet Marginalisierung.

Berardi beschreibt diesen Zustand als «Zwang zum Ausdruck». Dieser Zwang führt zwangsläufig zu einem Überangebot an Kommunikation – zu einem Überschuss an Zeichen, Bildern und Symbolen. Die Folge ist keine gesteigerte Verständigung, sondern eine Überlastung der Wahrnehmung. Sichtbarkeit wird inflationär, gespeist durch die permanente Hyperproduktion medialer Inhalte in digital vernetzten Gesellschaften.

Sichtbarkeit ist keine freiwillige Praxis mehr. Wer sich nicht zeigt, bleibt unbeachtet.

Die zentralen Bühnen dieses Überangebots sind das Internet und insbesondere Social-Media-Plattformen. In ihrer aktuellen Ausprägung werden sie zunehmend von sogenannten Slop-Inhalten durchzogen: medialen Artefakten geringer inhaltlicher Dichte, die häufig mithilfe generativer KI erzeugt werden und in hoher Frequenz durch alle Kanäle zirkulieren. Meme-Kulturen, automatisierte Text- und Bildproduktion sowie wiederholbare Formate verstärken diese Dynamik zusätzlich.

Der Zwang zum Ausdruck wird dabei zunehmend internalisiert. Menschen folgen medialen Spuren nicht mehr nur passiv, sondern werden aktiv in die Pflicht genommen, an ihrer eigenen medialen Repräsentation mitzuwirken – und diese fortlaufend zu optimieren. Sichtbarkeit wird Teil des Alltags und des ökonomischen Denkens. Ohne kontinuierliche Präsenz lässt sich im Informationskapitalismus kaum noch Teilhabe herstellen.

Sichtbarkeit als kulturelle Praxis – von der Elite zur Allgemeinheit

Die Bindung von Existenz an Erscheinung (Auftritt oder Präsenz) ist kein Phänomen der digitalen Gegenwart. Über weite Teile der Geschichte war Sichtbarkeit ein Privileg – und zugleich eine Pflicht – gesellschaftlicher Eliten. Politische, religiöse oder ökonomische Macht musste öffentlich gezeigt, inszeniert und rituell bestätigt werden. Zeremonien, Monumente, Titel, Kleidung oder öffentliche Auftritte dienten nicht nur der Repräsentation, sondern der fortlaufenden Vergewisserung einer tragenden Rolle innerhalb der kulturellen Ordnung. Sichtbar zu sein bedeutete, Teil der gegebenen institutionellen Ordnung zu sein.

Diese Formen öffentlicher Präsenz waren jedoch stets exklusiv organisiert. Der Zugang zu Bühnen der Sichtbarkeit war begrenzt, reguliert und an Status gebunden. Kontinuität wurde nicht kommuniziert, sondern vorausgesetzt; sie manifestierte sich durch Wiederholung, Rituale und institutionelle Dauer. Sichtbarkeit war kein individuelles Projekt, sondern eine kulturell abgesicherte Funktion.

Was über Jahrhunderte elitäre Pflicht war, wird im digitalen Raum zur allgemeinen Aufgabe: Wer sich nicht inszeniert, findet nicht statt.

Mit der schrittweisen Auflösung dieser exklusiven Ordnungen verschiebt sich auch die Logik der Erscheinung. Was über Jahrhunderte einer kleinen gesellschaftlichen Gruppe vorbehalten war, wird im Zuge moderner Medien- und Kommunikationstechnologien zunehmend verallgemeinert. Sichtbarkeit wird nicht mehr verliehen, sondern hergestellt. Sie wird zu etwas, das erzeugt, gepflegt und verteidigt werden muss.

Diese Demokratisierung der Sichtbarkeit ist ambivalent. Einerseits öffnet sie Räume der Teilhabe und Artikulation, andererseits überträgt sie die vormals elitäre Pflicht zur Präsenz auf immer breitere gesellschaftliche Schichten. Was früher zeremoniell organisiert war, wird nun individuell geleistet. Der Zwang zur Sichtbarkeit verliert seine institutionelle Rahmung und wird zur persönlichen Aufgabe – mit allen Konsequenzen einer permanenten Selbstexposition.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum das Internet nicht nur als Kommunikationsmedium, sondern als infrastrukturelle Voraussetzung einer neuen Aufmerksamkeitsordnung wirkt.

Wie das Internet zur Infrastruktur der Aufmerksamkeit wurde

Der Semiokapitalismus beschreibt eine Ökonomie, in der Zeichen, Bilder und Informationen zirkulieren, ohne an feste materielle Träger gebunden zu sein. Doch auch diese scheinbar entgrenzte Kommunikation benötigt eine Infrastruktur. Selbst in einer Ökonomie der Zeichen bleiben technische und strukturelle Voraussetzungen entscheidend für Reichweite, Dauer und Wirksamkeit von Kommunikation.

Mit dem Internet entstand erstmals eine globale, offene Infrastruktur für Publikation und Verbreitung. Inhalte konnten nun unabhängig von Ort, Institution oder formaler Zugehörigkeit veröffentlicht werden. Prinzipiell war jede Person in der Lage zu publizieren. Damit stellte sich eine alte Frage unter neuen Bedingungen: Wie entstehen Sichtbarkeit und Reputation in einem Raum, in dem formale Zugangshürden weitgehend wegfallen?

Über lange Zeit wirkten institutionelle Kontexte als Filter gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. Redaktionen, Verlage, wissenschaftliche Einrichtungen oder kulturelle Institutionen entschieden darüber, was publiziert wurde und welche Inhalte Verbreitung fanden. Mit dem Internet trat an die Stelle dieser etablierten Gatekeeper ein offener Publikationsraum. Sichtbarkeit war nun nicht mehr an institutionelle Anerkennung gebunden, sondern an die Fähigkeit, Aufmerksamkeit in einem zunehmend unübersichtlichen Informationsraum zu erzeugen. Damit entstand die Notwendigkeit, Mechanismen gesellschaftlicher Wahrnehmung neu zu organisieren.

In seiner frühen Phase war das Internet jedoch noch nicht von Plattformlogiken, algorithmischen Feeds oder automatisierten Empfehlungssystemen geprägt. Kommunikation fand statt, aber sie war weder permanent präsent noch kontinuierlich vermittelt. Sichtbarkeit entstand dort, wo ein gezielter Zugriff erfolgte – etwa durch das direkte Aufrufen einer Website oder über manuell gepflegte Verzeichnisse und Linklisten. Aufmerksamkeit war in dieser Phase vor allem das Ergebnis bewusster Suche und aktiver Orientierung.

Damit formierte sich eine erste, noch vergleichsweise überschaubare Phase der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie. Sichtbarkeit war weniger das Resultat automatisierter Selektion als eine Folge adressierter Zugriffe. Diese frühe digitale Medienlandschaft bildet den Ausgangspunkt für die weiteren Verschiebungen, die mit wachsender Informationsdichte, sozialer Vernetzung und algorithmischer Vermittlung einsetzten.